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DRK-Generalsekretär Christian Reuter: "Es fehlt fast alles für ein normales Leben" (vom 03.02.2017)
Knapp sechs Jahre nach Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs bleibt die humanitäre Lage im Land prekär. Der Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes, Christian Reuter, sagte im Deutschlandfunk, in ganz Syrien fehle es an elementaren Dingen - auch dort, wo nicht gekämpft werde. Das Interview vom 20. Januar können Sie hier nachhören: http://www.deutschlandfunk.de/lage-in-syrien-es-fehlt-fast-alles-fuer-ein-normales-leben.694.de.html?dram:article_id=376813
Das Interview in voller Länge zum Nachlesen:

Christoph Heinemann: In der kommenden Woche sollen in Kasachstan Gespräche über Syrien beginnen, moderiert von der russischen Regierung unter Beteiligung des Iran und der Türkei. Dazu hat sich jetzt der syrische Machthaber geäußert und es entbehrt nicht eines gewissen Zynismus, wenn ausgerechnet Baschar al-Assad in einem Interview sagt, Ziel sei es, Menschenleben zu retten und zu ermöglichen, dass humanitäre Hilfe in verschiedene Regionen in Syrien gelangen kann - vorausgesetzt, dass die Waffenruhe hält und im ganzen Land gilt. Diese Waffenruhe, die am 30. Dezember in Kraft trat, war von Russland und der Türkei ausgehandelt worden. Die Terrorbande IS und artverwandte Gruppen sind von den Gesprächen in Kasachstan, in Astana ausgenommen.

Wir haben gestern Abend Christian Reuter erreicht, den Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes, der sich zurzeit in Syrien aufhält. Ich habe ihn zunächst gefragt, welchen Teil des Landes er bisher sehen konnte.

Christian Reuter: Bisher waren wir unterwegs in Damaskus. Wir sind noch auf dem Weg nach Homs und auch nach Tartus, also die Bereiche, in denen wir auch als DRK mit unseren Projekten aktiv sind.

Heinemann: In welchem Zustand befinden sich die Orte, die Sie haben sehen können? Reuter: Das ist natürlich unterschiedlich. Wenn Sie sich das alleine nur über das deutsche Fernsehen und über das Internet anschauen, dann haben Sie den Eindruck, dass dieses Land völlig zerstört ist. Man muss fairerweise das durchaus differenziert betrachten. Es gibt Bereiche in diesem Land so wie in Tartus an der Küste, an der Grenze zu Libanon, da hat der Krieg und der Bürgerkrieg keine Spuren hinterlassen. Es gibt Städte wie in Homs zum Beispiel, wo Teile der Stadt unbeschädigt sind, aber natürlich Teile der Stadt, der Altstadt völlig zerstört sind. Da haben Sie die Situation und das Gefühl, Sie wären in Deutschland in der Nachkriegszeit. Das ist ein durchaus differenziertes Bild.

Heinemann: Unter welchen Bedingungen leben die Menschen sowohl in den zerstörten als auch in den unbeschädigten Teilen des Landes?

Reuter: Sie müssen sich vorstellen, Syrien ist seit sechs Jahren in einem massiven Bürgerkrieg. Insofern ist die humanitäre Lage querbeet schwierig. In den Bereichen und in den Regionen, in denen Krieg herrscht, allemal natürlich schwieriger, aber auch in einer Stadt wie Damaskus ist das keine Selbstverständlichkeit, einfach zu leben. In Damaskus, einer Stadt mit mehreren Millionen Einwohnern, ist kriegsbedingt die Wasserversorgung unterbrochen. Das sind elementare Bedürfnisse, die damit nicht mehr sichergestellt werden können. Man kann sicherlich sagen, im Jahr sechs dieses schweren Bürgerkrieges ist die humanitäre Not und die humanitäre Lage für alle, gleich in welcher Region sie leben, sehr, sehr schwierig.

Heinemann: Abgesehen vom Trinkwasser, ist natürlich besonders wichtig, was fehlt vor allem?

Reuter: Nach meiner Erfahrung und nach meiner Einschätzung fehlt fast alles, was Sie für ein normales Leben irgendwo benötigen. Das fängt natürlich bei elementaren Bedürfnissen wie Wasser an. Das geht weiter über Strom, Dinge, die für uns selbstverständlich sind, die hier gar nicht oder nur stundenweise funktionieren. Das geht bis hin zu Dingen, die fehlen: Rollstühle, Babynahrung, Hygienematerial, Dinge, die für uns selbstverständlich sind, die Sie für ein elementares Leben benötigen, die aber hier in Syrien absolute Mangelware sind. Und alleine um das an einem ganz anderen, ganz zentralen und elementaren Punkt klar zu machen: Wir versorgen zusammen mit unserer Schwestergesellschaft, dem Roten Halbmond, fast fünf Millionen Syrer jeden Monat mit elementaren Grundnahrungsmitteln, ohne die die Menschen hier nicht überleben könnten. Die Bedürfnisse und der Bedarf ist riesig.

Heinemann: Heißt aber gleichzeitig, dass Hilfe von außen bei der Bevölkerung ankommt.

Reuter: Sie kommt definitiv an. Bei uns - das kann ich auch ganz eindeutig sagen; das ist das, was seit vielen Jahren bei uns Standard ist. Wir können nachverfolgen, jedes einzelne Paket, wo geht jedes Paket hin. Um Ihnen das einmal praktisch darzulegen: Auf jedem unserer Pakete, egal was sich dort drin befindet, gibt es eine sogenannte Tracking-Nummer. Das ist nicht anders als das, was wir in Deutschland auch haben, wenn wir Post versenden oder Pakete verfolgen. Wir können für jedes Paket den Weg in Syrien, in die Region, in die entsprechenden Bereiche nachverfolgen, und da wir mit dem Syrischen Roten Halbmond, unserer Schwestergesellschaft zusammenarbeiten, die vergleichbar aufgestellt ist wie das DRK in Deutschland, haben wir nicht nur die Technik zum Nachverfolgen; wir haben dann auch noch die Augen und die Augenzeugen und letztendlich auch diejenigen, die diese Hilfe direkt vor Ort übergeben.

Heinemann: Herr Reuter, ist die Lage inzwischen so, dass Ihre Helferinnen und Helfer in Syrien ungefährdet arbeiten können?

Reuter: Das wäre mein großer Wunsch und für bestimmte Bereiche kann man das auch sicherlich sagen. Aber man muss auch fairerweise sagen, in diesem Land herrscht Krieg - nicht überall und nicht gleich intensiv, aber letztendlich herrscht hier Krieg und ein Risiko für unsere Mitarbeiter, für unsere Freiwilligen und auch für die Mitarbeiter und Freiwilligen beim Syrischen Roten Halbmond ist bis heute da. Nach mittlerweile sechs Jahren Bürgerkrieg sind knapp 60 Freiwillige des Syrischen Roten Halbmondes umgekommen. Das heißt, wir können nun wirklich nicht behaupten, dass hier kein Risiko für die Menschen ist, und umso wichtiger und da bin ich auch wirklich froh und dankbar, dass trotzdem sich so viele Menschen und Freiwillige hier engagieren, trotz der individuellen Risiken.

Heinemann: Gibt es noch viele Menschen, die ihr Land verlassen möchten?

Reuter: Die große Mehrzahl der Flüchtlinge in Syrien sehen wir gar nicht. Wenn Sie sich vorstellen: Syrien ist ein Land in Friedenszeiten mit 22, 23 Millionen Einwohnern. Davon ist mittlerweile mehr als die Hälfte auf der Flucht. Die allermeisten, gut sieben Millionen, innerhalb des Landes. Der geringer Teil außerhalb, ein im Verhältnis zu den Zahlen hier in Syrien sicherlich geringster Teil in Europa. Natürlich: Wenn die Menschen keine Perspektive haben und wenn keine Lösung sich abzeichnet und letztlich auch, wenn die humanitären Bedürfnisse nicht befriedigt werden, dann besteht natürlich das Risiko, dass die Menschen sich wieder auf den Weg machen. Deswegen bin ich froh und dankbar. Wir haben durch die Bundesregierung jetzt in den letzten sechs Jahren mehr als 100 Millionen Euro im Kontext der Syrien-Hilfe an humanitären Hilfsmitteln bekommen. Das ist ganz wichtig, um, ich möchte nicht sagen, die Lage zu stabilisieren, aber zumindest das Allerschlimmste zu verhindern und letztendlich auch den Leuten und den Menschen hier in Syrien eine Perspektive des Lebens und nicht nur des Überlebens zu geben.

Heinemann: In der kommenden Woche sollen Syrien-Gespräche in Kasachstan beginnen unter russischer Aufsicht. Erwarten die Menschen, mit denen Sie sprechen konnten, eine dauerhafte Befriedung? Ist das überhaupt von Interesse, solche Gespräche?

Reuter: Das ist natürlich von Interesse, denn nach sechs Jahren Krieg wünschen sich die Menschen Frieden. Das ist das, was ein Urbedürfnis ist, und wenn Sie in einem solchen Konflikt über viele Jahre Leidtragende sind - und es ist ja gerade die Zivilbevölkerung, die hier Leid erträgt, ertragen muss -, ist der Wunsch nach Frieden natürlich das Wichtigste. Aber Astana ist weit weg. Viele Menschen hier in Syrien sind in erster Linie damit beschäftigt zu überleben, wie sie den Tag heil, sicher, gesund für sich selbst und ihre Familie bestreiten können. Insofern wird das natürlich hier registriert, aber nach sechs Jahren ist die Hoffnung, dass Astana die Lösung für diesen Kriegs- und Konfliktfall mit sich bringt, hier nicht besonders weit verbreitet.

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